Perlaggen

Regelstand 1926

Das Perlaggen

Ein heimisches Kartenspiel

≡ von Rudolf Marsoner

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Wer in eine unserer Vielen heimischen Gaststätten geht, »der wird gar bald auf eine Gruppe Kartenspieler aufmerksam werden, aus deren Kreis mehr oder weniger laut die dem Fremden unverständlichen Worte »Mei Gleich«, »Mei Hanger«, »Drei deinem Spiel« und andere ähnliche herausklingen, wo gar manche heftige Debatte geführt wird, aber auch manches lustige Scherzwort und frohes Lachen heraustönt. Wenn einer nachforscht, wird er mit ziemlicher Sicherheit erfragen, dass hier perlaggt wird. Versucht er durchs Zusehen — Kiebitzen heißt der Fachausdrurk — das Spiel zu erfassen, wird er bald verzweifelt ob der Verzwicktheit des Spieles und ohne eine Ahnung sich erworben zu haben, sich zu seinem Viertele zurückziehen, bis ihm ein mitleidiger Kenner dieses Spieles die Grundregeln beigebracht hat. Und dann wird er gar bald das ganze Spiel begriffen haben und mit

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Genuß den Verlauf des Spieles verfolgen können.
Es ist eines unserer bekanntesten Spiele das Perlaggen, geübt auf dem Lande wie in der Stadt, in der verräucherten Gastftube wie im feinen Herrenzimmer. Seine vielen Rätsel, die große Mannigfaltigkeit der Kombinationen, die fortwährend neuen Spielereignisse und die Möglichkeit, mit Verständnis und Berechnung schwierige Fälle zu lösen, falls er nicht eben einem ,,Ratscher" aufsitzt, haben ihm bald einen führenden Platz unter den vielen Spielern unserer Heimat verschafft und heute dürfte es nicht allzuviele Orte geben, wo nicht perlaggt wird.
Zur Geschichte des Perlaggens.
Seinen Ursprung hat es in unseren heimischen Spielen. Im Etsch- und Eisacktal, besonders aber am Rittnerberg herrschte, wie uns im ältesten Perlaggerbüchl vom Jahre 1853 erzählt wird, das sogenannte Rittner- oder Hennenspiel, derart benannt, weil man die um Allerheiligen üblichen Seelstücke —- feines Weizenbrot in Gestalt einer Henne — da=

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mit ,,auskartete". Es ist ein überaus einfaches Spiel. Jeder Spieler erhält drei Karten, Trumpf wird nicht aufgeschlagen Spiel, Herz, Laub, Hanger und Gleich find die Figuren, die dem Besitzer nach dem Grade ihrer Beschaffenheit zählen.
Aus diesem einfachen Spiel entwickelte sich durch die Bereicherung mit Bieten und Halten und durch das Auskommen bestimmter Regeln das Giltspiel. Der Name ist —- wenigstens in unserer Gegend — verklungen, trotz vielfacher Nachforschungen konnte darüber nichts mehr erfragt werden. Aus seinem Entwicklungsgange, den wir aus dem ältesten Perlaggerbüchl erfahren, und aus Rückschlüssen aus dem heutigen Perlaggen ist es mit dem »Bieten« gleichbedeutend.
Konnte beim Hennenspiel nur die Güte des Blattes entscheiden, so ist beim Giltspiel durch das Bieten und Halten ein belebendes Moment hinzugekommen, das der Einförmigkeit des alten Spieles ein Ende bereitete, neue interessante Möglichkeiten bot, die aber leider nur allzuselten eintrafen. Da schufen sich einige eifrige Giltspieler den »Perlagg«, das

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heißt, sie schufen sich eine Karte, die umgetauft werden konnte nach Belieben, die jeder Karte überlegen war, zum Gleich oder zum Hanger gemacht werden konnte, kurzum, das ganze Giltspiel von Grund aus umänderte.
Es ist ein Verdienst des ersten Perlaggerkongresses, der am 19. April 1890 zu Innsbruck tagte, Zeit, Ort, sowie die Namen der Erfinder festgelegt zu haben. Es sind dies die Kanzlisten Alois von Perkhammer und Josef Pfanzelter, und die Forstbeamten Ferdinand Gile und Johann Saxer, die im altbekannten Bozner Gasthause »zum Pfau« in der Bindergasse im Jahre 1883 zuerst perlaggten. Noch kündet keine Gedenktafel ihre Tat der Nachwelt. Doch sicherlich wird einst an dieser denkwürdigen Stätte mit den Strafgeldern, die beim Perlaggen eingehen — anders kann man es doch als Perlagger kaum machen — ein Gedenkstein errichtet werden zur Erinnerung an die große Tat der Vorfahren und zur Aneiferung für die Jungen.
Ursprunglich hatten die so bevorzugten Karten keinen Namen. Erst einige Jahre

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später taucht der »Perlagg« auf, und zwar kam er vom Unterlande, aus der Salurner Gegend. Dorthin war Herr Gile versetzt worden, und hatte dort die neue Art des Giltens eingeführt. Die dortige Bevölkerung, die beide Landessprachen beherrscht, fand für diese Karten den ihnen zukommenden Namen. Berlicche bedeutet den Teufel, und ein solcher ist auch unsere Karte; er erscheint in jeder gerade passenden Gestalt. Wer erinnert sich aber nicht auch an das Peterlspiel, wenn der schlaue Peterl den armen Teufel auf sein Kommando »berligg-berlagg« erscheinen und verschwinden läßt, bis dieser zahm geworden und dem Peterl Ruhe läßt? Und sicherlich die Perlagger haben eine nicht kleinere Freude an ihrem Perlagg, wie einst vor Jahrzehnten in ihrer Jugend am Peterlspiel.
Zuerst wurde nur mit drei Perlaggen gespielt, dem Eichel-Siebener, dem Eichel-Ober und dem Eichel-Unter«. Im alten Perlaggerbüchl wird zwar behauptet, daß ursprünglich nur der Eichel-Siebener Perlagg war. Haben wir auch keinen Grund, die Aussagen der zwei Erfinder, von

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Perkhammer und Saxer, die unabhängig voneinander das gleiche an den Perlaggerkongress berichteten, zu bezweifeln, so ist es auf jeden Fall sonderbar, da in einzelnen Gegenden unserer Heimat noch in den fünfziger Jahren mit nur einem Perlagg gespielt wurde.
Allmahlich verschwand das Vorrecht der Eichel und wurde auf die jeweilige Trumpffarbe übertragen. Auch hier herrschte in Bezug auf die Anzahl noch lange große Verschiedenheit, die teilweise heute noch vorhanden ist. So spielt man in einzelnen Gegenden mit fünf Perlaggen, während die große Menge bereits deren sieben kennt. Um das Jahr 1853 bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren in der Bozner Gegend vier Perlaggen in Gebrauch; der höchste war der Trumpf-König, es folgten der Trumpf-Siebener, Rumpf-Ober und Unter. Vereinzelt tauchten in jener Zeit bereits unsere heutigen ständigen Perlaggen auf, der Herz-König, heute »Martl«, damals »Radetzky« genannt, der Schell-Welli und Schell-Siebener. Zur Zeit des Perlaggerkongresses herrschte unter den

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Bozner Spielern — es entstand damals auch ein Perlaggerklub — große Erregung über die Einführung der neuen Perlaggen. In einer Erklärung an den Kongreß wurde kundgegeben: Entweder spielt man mit vier Perlaggen oder wir tun nicht mit. Allmählich aber setzten sich auch bei uns die sieben Perlaggen durch und es ist nur mehr eine Frage der Zeit, daß überall mit der gleichen Anzahl gespielt wird.
Mit der Einführung der Perlaggen schwanden die alten Spiele immer mehr. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das neue Spiel im ganzen Lande und zwanzig Jahre nach der Erfindung war es Gemeingut der Bevölkerung. Die Erfinder waren vergessen, ebenso Ort und Zeit und nur ein günstiges Geschick hat uns ihre Namen erhalten.

Das Spiel.

Perlaggt wird mit den sogenannten deutschen Karten zu dreiunddreißig Blatt. mit den Farben Herz, Schell, Laub und Eichel. Eine Rangordnung unter den Farben hat nicht statt. Jede

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Farbe besteht aus acht Blatt, nur Schell besitzt neun, da der Schell-Welli (Schell-Sechs) als Farbe mitzählt. Die Rangordnung der einzelnen Karteü in den Farben ist folgende: As, König, Ober, Unter, Zehner, Neuner, Achter und Siebener.
Die Perlaggen, das sind die Karten, die nach Belieben getauft werden können, stehen in folgender Rangordnung: 1. Herz-König oder Martl. 2. Schell-Welli. 3. Schell-Siebener. 4. Eichel-Siebener oder Spitz 5. Trumpf-Siebener. 6. Trumpf-Unter. 7. Trumpf-Ober, so zwar, dasz der Martl der höchste, der Rumpf-Ober der niederste Perlagg ist.
Tauft der Gegner seinen Perlagg, z. B. den Trumpf-Ober, um ein Gleich zu machen, zum Trumpf-König, so kann ich mit meinem Trumpf-Unter und allen anderen Perlaggen den bessern Rumpf-König machen und seine Karten stechen. Mache ich aber meinen Perlagg zu einer niederen Karte, z. B. Trumpf-Zehner oder aber zu einer beliebigen As, die nicht Trumpffarbe ist, so gehört der Stich meinem Gegner.

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Die Zahl der Perlaggen ist, wie schon oben erklärt, sieben, doch wird auch heute noch mit weniger gespielt. Es ist daher ratsam, sich jederzeit um die Zahl der Perlaggen und auch deren Rangordnung zu kümmern, um unnützen Streitigkeiten zu entgehen.
Gewöhnlich wird zu viert gespielt, doch können auch zwei oder sechs Personen sich am Spiele beteiligen. Die interessanteste Art des Spielens ist unzweifelhaft zu vier Personen.
Die Spieler sitzen so verteilt, daß sich die Partner einander gegenüber befinden und daher jeder Partner zu seiner Rechten sowie zu seiner Linken einen Gegner hat.
Die Zusammengeshörigkeit wird meist durch das Los bestimmt, was in der verschiedensten Art ausgeübt werden kann. In der Bozner Gegend- kommen entweder die zwei niedersten Karten, die abgehoben werden, zusammen oder aber es werden die Karten ausgeteilt und die Besitzer der ersten zwei Könige bilden eine Partei.
Wer zuerst einen König erhalten oder die niederste Karte abgehoben hat, gibt das Spiel an, mischt die Karten. läßt von

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seinem Gegner zur rechten Hand abheben und gibt nun seinem Gegner zur linken Hand und so der Reihe nach jedem zuerst drei Karten, dann je zwei und schlägt dann von den übrig gebliebenen Karten die oberste auf, die nun als Trumpf gilt. Schell-Welli gilt als Schell, Martl als Herz, Spitz als Eichel.
Der Ausgeber der Karten hat das Recht und die Pflicht, einen ausgelegten Perlagg mit einem Trumps auszutauschen. Hat er keinen Trumpf, so steht dieses Recht seinem Partner zu, während die Gegenpartei den Perlagg «stehen lassen muß.
Das Austauschen des Perlagges hat vor dem Spielbeginn zu erfolgen, bis die erste Karte ausgeworfen ist. Die Gegenpartei hat aber keine Berechtigung, durch rasches Auswerfen das Abtauschen des Perlaggen zu verhindern.
Werden die Karten neu gemischt, so hat mein Gegner zur Rechten die Karten abzuheben und kann dabei die unterste abgehobene Karte ansehen. Ist es ein ständiger Perlagg, Martl, Welli, Schell-Siebener oder Spitz, so hat er das Recht, diese

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Karte abzuheben, sei es nun eine einzelne oder seien es mehrere, doch ist er verpflichtet, diese Perlaggen offen herzuzeigen.
Es sind von den dreiunddreißig Karten zwanzig in Händen der Spieler, eine liegt als Trumpf auf und zwölf bleiben liegen. Sie bilden eine der Grundbedingung für den Reiz des Spieles und sollen daher nicht angerührt werden. Denn würde man die noch liegenden Karten kennen, ginge eines der wichtigsten Momente, die Ungewißheit über die in Händen meiner Gegner befindlichen Karten, verloren.
Die Perlagger genießen ohnehin schon große Freiheiten im Spiele. Die Partner können sich durch Zeichen verständigen, indem sie sich die Anzahl und die Rangstufe der Perlaggen und Trümpfe deuten. Sie deuten sich Farbe und Figur, in der sie stark sind, in welcher Höhe, was für eine Figur besser vorhanden, ob man stechen kann oder nicht, kurzum sie können sich jede beliebige Mitteilung machen. Dafür haften sie aber auch gemeinsam. Jeder Partner hat aber das Recht, unab- hängig vom anderen zu bieten, zu halten und zu steigern oder gut sein zu lassen;

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die Verantwortung trifft aber immer beide Partner gemeinsam.
Man spielt nach Partien, die meist einen halben Liter oder sonst eine bestimmte Summe gelten. Die Partie zählt nach Stricheln, meist 11 oder 15, was dem Uebereinkommen überlassen bleibt. Wer die ausgemachte Punktzahl erreicht, hat das Spiel gewonnen. Der Sieger malt fein säuberlich auf dessen Aufschreibfeite ein Noggele, gleichbedeutend mit Null, hin. Meist gelten zwei Noggelen ein Spiel, d. h. nach der ersten Partie wird dem Gegner Gelegenheit gegeben, seine Scharte auszuwetzen. Ist aber im Verlaufe mehrerer Spiele alles auf gleich ausgegangen, d. h. stehen auf beiden Seiten gleich viele Noggelen, so wird meist eine Schlußpartie gemacht, um doch einen kleinen Gewinn zu erzielen.
Die Aufschreibung erfolgt unmittelbar nach jedem Spiel. Wird irrtümlicherweise falsch aufgeschrieben, steht der Gegenpartei das Recht nach Richtigstellung zu, doch nur so lange, bis die erste Karte des nächsten Spieles auf dem Tische liegt; nachherige Rcklamationen gelten nicht mehr.

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Die Figuren des Spieles.
Die Figuren des Spieles find:

  1. 1. das Gleich;
  2. 2. der Hunger;
  3. 3. das Spiel.

Das Gleich bedeutet zwei Karten in gleicher Rangftufe, wozu natürlich auch Perlaggen verwendet werden können, z. B. zwei Unter. Zwei Karten gelten als einfaches, drei als dritziges, vier als vierfaches, fünf als fünffaches Gleich. Drei Asse gelten als höchst dritziges Gleich.
Hanger (oder Sequenz) heißt die Figur, in der zwei Karten der gleichen Farbe in ihrer Rangordnung unmittelbar aufeinander folgen, z.B. Eichel-Zehn und Eichel-Unter. Auch hier gibt es einfachen, dritzigen, vier- und fünffachen Hanger. Ober, König und As gelten als höchst dritziger Hanger.
Spiel ist die dritte Figur. Die Partei, die drei Stiche macht, besitzt auch das Spiel.
Auch bei den Figuren herrscht eine Rangordnung, u. zw. die auf S. 10 bezeichnete, wie in der Regel des Perlaggerkon=

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gresses klar aufscheint. In der Bozner Gegend wird meist — und dies ist aus der alten Spielordnung herübergekommen — das Spiel als erste Figur bezeichnet, was zu mancherlei Streitigkeiten Anlaß gibt, so daß es sich wohl empfehlen würde, an der schon eingeführten Regel festzuhalten:
Gleich, Hanger, Spiel.
Die Reihenfolge der Figuren wird sofort unterbrochen, sobald eine Figur zuerst geboten wird. Das Vorgebotene zieht unter allen Umständen vor. Es ist dies besonders beim Ausgange einer Partie zu beachten. Hat eine Partei neun und bietet ihren Hanger, so geht diese Partei, falls er gehalten wird, aus, auch wenn die Gegenpartei bereits zehn Punkte hat und Gleich und Spiel gewinnt.
Hat ein Spieler ein Gleich oder einen Hanger und vermeint er diese Figur besser zu haben als sein Gegner, so bietet er diese Figur der Gegenpartei mit den Worten an: »Gilt mein Gleich?« oder auch nur: »Mein Gleich!« »Mein Hanger!«
Die Gegenpartei ist verpflichtet, sofort auf das Angebotene zu antworten. Meint sie mit ihrer Karte dasselbe nicht machen